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Examensarbeit zum 1. Dan von Falko Seppelt |
Giri und Gimo, Bushido-Kodex Gestern und Heute
Examensarbeit zum Ablegen des 1. Dan
von
Falko Seppelt
Das Thema dieser Arbeit lautet Giri und Gimo, Bushido-Kodex gestern und Heute.
Auf den ersten Blick, sind dies zwei Themen die miteinander nicht in direkten Zusammenhang stehen. In Wahrheit sind diese Begriffe aber untrennbar miteinander verbunden, sie bilden eine Einheit.
Um dies zu Verstehen muß man tief in die Geschichte Japans, zu den Anfängen der Kriegerkaste den Samurai vordringen.
Die Samurai - Tradition entstand im 8. Jahrhundert im Osten und Nordosten Japans. Flüchtige Bauern und umherziehende Tagelöhner versuchten, an der unruhigen Grenze mit den Ainus, den Ureinwohnern Japans, Land und Boden zu bestellen.
Es kam zu ununterbrochenen Auseinandersetzungen mit den rebellierenden Ureinwohnern.
Erst im 10. bis 12. Jahrhundert bildeten sich während der langen Feudalfehden endgültig die herrschenden Samurai- Sippen aus.
Das Wort Samurai bedeutet "Dienender", womit die Loyalität gegenüber Kaiser, Lehnsherren und Clan angesprochen wird.
Zu dieser Zeit prägten sich auch die Grundprinzipien des Moralkodex der Samurai "Der Pfad von Bogen und Pferd" (Kyuba-no-michi) aus, die später in den strengen Gesetzeskodex "Der Weg der Samurai" umgewandelt wurde, den "Bushido".
Der "Bushido" regelte das gesamte Leben eines Samurai von der Geburt bis zum Tod.
Die Grundsätze des "Bushido" stammen aus dem Konfuzianismus, dieser gibt fünf Grundsätze der Moral vor, die in Einklang miteinander gebracht werden müssen, wenn die Menschen glücklich und tugendhaft miteinander leben wollen.
Die Fünf Gorin sind.
- die Beziehung zwischen Herrscher und Untertan
- die Beziehung zwischen Eltern und Kindern
- die Beziehung zwischen Mann und Frau
- die Beziehung zwischen Alter und Jugend
- die Beziehung zwischen Freund und Freund
Die Ausbildung und Erziehung eines Samurai wurde von den Regeln des Bushido-Kodex bestimmt, die besagten das die Erfüllung von Giri (Pflicht) und On (Verpflichtung) die wichtigste Aufgabe in seinem Leben waren.
Der Bushido-Kodex beruhte zwar auf den fünf Gorin, aber für einen Samurai hatte die Beziehung zwischen Herrscher und Untertan immer Vorrang, schließlich hatte er sein Wissen und Können ja in den Dienst seines jeweiligen Herren gestellt. Die Erfüllung der Aufgaben, die ihm von seinem Herren übertragen wurden, kam vor allen anderen Dingen. Das Leben eines Samurai war bestimmt von Giri (Pflicht), On (Verpflichtung) und Ninjo (persönliche Neigungen).
Die Begriffe des Giri und On waren zwar auch in den anderen Bevölkerungsschicht der damaligen Epoche in Japan vorhanden, wurden in dieser Art und Weise aber nur von den Mitgliedern der Kriegerkaste umgesetzt. Es gab Ansätze im Europa der damaligen Zeit, der Ehrenkodex der Ritter folgte einer ähnlichen Denkweise, allerdings setzten Sie die persönliche Ehre an erste Stelle.
Man kann also sagen, daß die Verhaltens-, Denk- und Lebensweise der Menschen im Japan der damaligen Zeit einzigartig war.
Um diese Art zu Leben zu verstehen, müssen wir uns näher mit den Begriffen von Giri, On und Ninjo beschäftigen.
Was ist Giri nun genau?
Die Übersetzung von Giri ist etwa gleichzusetzen mit Pflicht, allerdings in einer etwas anderen Bedeutung als wir sie kennen.
Die wortwörtliche Übersetzung kann die vielschichtige Bedeutung des Wortes jedoch nicht erfassen. Für einen Europäer hat der Begriff von Pflicht eine vollkommen andere Bedeutung als für einen Asiaten.
In der westlichen Welt hat der Begriff "Pflicht" eher die Bedeutung von etwas Erfüllen, einer Aufgabe nachkommen. Man spricht dabei häufig von Pflichterfüllung.
Man erfüllt seine Pflicht weil es von einem erwartet wird oder um irgend etwas zu erreichen. Der Begriff" Pflicht" hat also eher einen unangenehmen Beigeschmack.
Oft spricht man auch in einem Atemzug von "Pflichten und Rechten". Man erwartet also automatisch das man mit der Erfüllung seiner Pflicht das Anrecht auf irgend eine Gegenleistung erhält.
Eine ähnliche, ja fast identische, Bedeutung hat der Begriff "On"; Verpflichtung.
Jemanden oder etwas verpflichtet sein, oder seinen Verpflichtungen nachkommen wird meist mit einer unangenehmen Aufgabe gleichgesetzt. Etwas was man zwar tut, aber meist nicht gerne oder aus freien Stücken.
Für einen Asiaten hingegen bilden die Begriffe "Giri" und "On" eine Einheit.
Denn die Pflicht - Giri - war immer vorherrschend, da sie den einzigen Weg wies, Verpflichtung - On - wenigstens teilweise zurückzuzahlen.
Giri bezog sich, vor allem auf das Verhältnis zwischen dem Samurai und seinem Herren.
An zweiter Stelle kam sein Verhältnis zu seinen Eltern, das von Giri und On bestimmt war.
Dabei haftet der Bedeutung vom Giri und On in der Denkweise der asiatischen Völker keinerlei negative Wertung an. Das Gegenteil ist eher der Fall, seiner Pflicht nachkommen ist eine äußerst ehrenvolle Aufgabe.
Denn schließlich verdankte man ja demjenigen zu dem man in einer "Giri" und "On" Beziehung stand etwas. Den Eltern die Geburt und Erziehung, dem Herren, dem man diente, sein Auskommen und seinen Besitz.
Dies ging soweit, daß das gesamte Leben von der Erfüllung dieser Aufgabe in Anspruch genommen wurde, bis hin zur Aufgabe von Familie, Besitz und Leben desjenigen.
Die Samurai betrachteten es als besondere Ehre in Erfüllung von "Giri" ihr Leben zu lassen.
Es gibt viele Legenden die sich mit diesem Thema befassen, eine der Berühmtesten ist die "Geschichte der 47 Samurai", sie gilt als ein Musterbeispiel von "Giri".
Die Japaner defnieren die Idee der Pflichterfüllung so:
"Seiner Pflicht zu folgen, das bedeutet ein Mensch mit Ehre zu sein, sein Pflicht zuverletzen - an sich zu denken".
Ein häufig gebrauchter Begriff in diesem Zusammenhang ist, "Sein Gesicht zu verlieren".
Es gibt keine größere Schande für einen Asiaten als "Sein Gesicht zu verlieren", dies ist gleichbedeutend mit Ehrlosigkeit, jemand der sein Giri nicht erfülIt.
Dies soll nicht den Eindruck erwecken das es keine persönlichen Gefühle oder Neigungen ( Ninjo) gab.
Es lag in der Natur der Dinge, daß oft ein Konflikt zwischen Giri (Pflicht) und Ninjo (Gefühlen) entstand. In den meisten Fällen, wurde er zugunsten von Giri entschieden, wenn auch erst nach ernsthafter Gewissenserforschung.
Dies bedeutete das die persönlichen Neigungen, Gefühle oder Ansichten der einzelnen Person an Bedeutung verloren, zu Gunsten der Allgemeinheit.
Die Japaner sahen sich in diesem Fall nicht als Individuum, sondern als ein Teil des Ganzen, das zu gelingen der Hauptaufgabe beitrug.
Für Sie war es höchst ehrenvoll ihr gesamtes Leben der Erfüllung dieser Aufgabe, und somit der Erfüllung von Giri und On, zu widmen.
In der westlichen Welt hingegen ist eine solche Denkweise völlig unbekannt, durch das vorhandenen Wertesystem ist jeder nur um sein persönliches Wohl und die Stellung seiner Person in der Gesellschaft bemüht.
Ein weiterer Begriff der im Zusammenhang mit "Giri" nicht ungenannt bleiben darf ist "Gimo". Von der Bedeutung her sind beide Begriffe mit ein und dem selben Wort zu übersetzen, Pflicht.
Allerdings geht "Gimo" noch über die Grenzen von" Giri" und "On" hinaus, während Giri durch die Erziehung und die Stellung des einzelnen in der Gesellschaft gesteuert wurde, also mehr ein Produkt von außen war, war Gimo etwas sehr persönliches, sich jemanden oder etwas in dieser Weise verpflichtet zu fühlen kam sehr selten vor.
Diese Zusammenhänge sind in ihrem Wirken aufeinander so komplex und oft voller Widersprüche, daß ein Außenstehender sie nur sehr schwer nachvollziehen kann.
Ich glaube, man muß in den Regeln des Bushido-Kodex aufgewachsen und erzogen worden sein um sie gänzlich zu verstehen.
Aufgrund dieser Regel gelang es einer relativ kleinen Gruppe über viele Jahrhunderte hinweg eine ganze Nation zu führen.
Im Jahre 1868 wurde durch die westlichen Mächte die Öffnung Japans erzwungen, die Kaste der Samurai wurde durch den Kaiser offiziell abgeschafft. Das war das formale Ende des Bushido.
Einige der alten Samurai, die die politische Entwicklung des Landes verfolgt hatten oder durch andere Umstände gezwungen waren ihre eigentliche Berufung aufzugeben, siedelten sich in der Wirtschaft und dem Handel Japans an. An Stelle der alten Lehnsherren und Fürsten traten jetzt Firmen und Konzerne.
Durch die jahrhundertelange Erziehung im Geist des Bushido und durch die feste Verwurzelung von Giri und On in der Gesellschaft überlebten diese Werte teilweise auch in der neuen Gesellschaft.
Dies ging zwar nicht mehr bis zur physischen Aufgabe des Einzelnen, aber um seine Verpflichtung zu erfüllen, wurden Freizeit und persönliche Interessen voll in den Dienst des neuen Herren, dem man seinen Besitz und seine Stellung verdankte, gestellt.
Die Persönlichkeit des Einzelnen wurde gänzlich für die Erfüllung der gemeinsamen Sache aufgegeben.
Diese Form der Pflichterfüllung war in den westlichen Länder völlig unbekannt und undenkbar. Dort war jeder nur um seine Persönlichkeit, um seine Stellung in der Gesellschaft bemüht.
Leider ging die Einflußnahme der westlichen Staaten, auf die Kultur und die Wirtschaft Japans, nicht spurlos an der Gesellschaft vorüber. Es kam zu einer Vermischung beider Kulturen, bei der die Traditionen des Ostens von den Einflüssen des Westens oft verdrängt wurden.
In den letzten Jahren ist allerdings eine Rückbesinnung auf die alten Werte zu erkennen.
Mit der Öffnung Japans gegenüber der westlichen Welt, gelangten auch die Kampfkünste an das Licht der Öffentlichkeit.
Durch ihre Faszination auf die Menschen fanden sie sehr schnell Verbreitung rund um den Globus und durch alle Bevölkerungsschichten.
Dabei ging aber ein großer Teil der Inhalte und Werte des Bushido, Ehre und Treue zum eigenen Clan bzw. zum eigenen Ryu, verloren.
Falsche "Meister" und eine dem Europäer eigene Oberflächlichkeit trugen dazu bei, daß nur die "angenehmen" Dinge weiter vermi
ttelt und erlernt wurden.
Es ging sehr bald nur noch darum mit den erlernten Kenntnissen andere zu besiegen oder sportliche Erfolge zu sammeln, seine eigene Stellung in der Gesellschaft aufzuwerten und eigene Profilneurosen auszuleben.
Wenn jemanden die Ansichten seines Lehrers nicht mehr genehm waren oder er den Eindruck hatte seine "Persönlichkeit" würde nicht genug beachtet oder nur des Geldes wegen, so wurde schnell ein eigener "Stil" bzw. ein neuer Verband gegründet.
So kam es sehr schnell zu einer Vielzahl von "neuen" Stilen, die alle für sich den Anspruch erhoben den Geist des Bushido zu vertreten. Meist hatten sie außer dem Namen nicht viel mit den alten Traditionen gemeinsam.
Abschließend kann man sagen, für diejenigen die Kampfkünste nur von ihrer sportlichen Seite sehen oder sie dazu benutzen um sich selber zu Profilieren sind die Werte des Bushido, wenn überhaupt bekannt, so nur Mittel zum Zweck. Solange sie für die Erfüllung eigener Ziele nützlich sind werden sie gerne benutzt, wenn es aber darum geht nach ihnen zu Handeln sind sie schnell vergessen.
Wer sich für die Kampfkünste entschieden hat sollte sich im klaren darüber sein, daß Bushido - Der Weg des Kriegers - kein Weg ist um zu Ruhm und Ehren zu gelangen.
gez. Falko Seppelt
Großkugel den 26.03 1999
Bei der Ausarbeitung dieses Themas habe ich folgende Quellen zu Hilfe genommen:
Die Samurai- Ritter des Fernen Ostens
Richard Storry/ Wemer Forman
Die Herrscher von Japan
Henry Wiencek
Kempo die Kunst des Kampfes
Dr. Alexander Dolin
Der Kodex des Bushido
Heinz Köhnen
Giri und Gimu -Tradition und Gegenwart
Vera E. Brünskaja
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